|
Leser Dr. Jörg Mehnert aus Kiel (Name von der Redaktion nicht
geändert) hat sich in einem mit der Überschrift "Kutterplage"
versehenen offenen Brief an die Redaktion gewandt, in dem er seiner
verständlichen Mißbilligung minderjähriger, biersaufender
und lärmender so genannter Kuttersegler Ausdruck verleiht, die in
verschiedenen Ostseehäfen höchst unangenehm aufgefallen sind. Er
fordert, völlig zu Recht, von Hafenmeistern und Seglern Zivilcourage
ein, gegen solche Auswüchse vorzugehen. Er schlägt, nachvollziehbar,
aber schwer durchzusetzen, ein striktes Alkoholverbot vor, ein Verbot
zum Mitführen von Beschallungsanlagen sowie eine Kennzeichnungspflicht
der Kutter mittels Anbringen der Telefonnummer des Vereinsvorsitzenden
oder Jugendwarts am Bootsrumpf.
Segler Mehnert mag sich aus gutem Grund geärgert haben, aber dennoch
klingt in seiner Beschwerde auch etwas Positives durch. Denn ist
es nicht irgendwie beruhigend, dass sich in 40 Jahren Jugendsegelei
nichts Wesentliches verändert hat?
Dem Segler im Binnenland sei erklärt, dass es sich beim Kutter um
ein rettungsbootähnliches, offenes Fahrzeug mit Sprietsegeltakelung
und Mittelschwert handelt, das von einer auf harten Duchten sitzenden
Crew auch gerudert werden kann. Es erinnert dann an eine Galeere,
und die Leute an Bord fühlen sich auch so.
Eine Jugendkutter Tradition gab es einst in der DDR, etwa an der
Warnow, und in den Segelvereinen der Unterelbe. Hier werden die
selbstständig, aber unter Anleitung eines halbstarken Kutter - “Führers"
(sic!) aufs Wasser hinausgeschickten Jugendliche im Szene - Slang
als “Kutter - Russen" bezeichnet. Die Bezeichnung ist weder
schmeichelhaft noch heutzutage politisch korrekt, sie entspringt
wohl dem Vorurteil, das unsere östlichen Nachbarn wenig fair als
rauhbeinig, versoffene und ungewaschene Meute hinstellt. Indes:
genauso verhielten sich echte Kutter - Russen aller Generationen,
und viele davon befinden sich heute in hohen und höchsten Positionen
unserer sozialen Stufenleiter und erinnern sich gern an die Zeiten
zurück, als sie ungewaschen und mit allerlei derben Scherzen im
Sinne ihre ersten See - Erfahrungen machten.
Übrigens braucht man sich auf einem Kutter nicht zu waschen. Denn
er segelt, wenn er nicht gerade kentert, sehr nass und leckt wie
ein Sieb. Auf seinen Buchten schläft es sich hart und kalt, und
jeder Hafenmeister meckert den Kutter - Russen an. Diese Erziehung
ist von den Eltern ja gewollt. Auf einem Kutter lernt man, wie auf
keinem anderen Segelfahrzeug, unbestreitbare Tugenden wie Seemannschaft,
Kameradschaft, Rücksicht, Durchhaltevermögen und so unbeschwert
einen zu zwitschern oder zu kiffen, wie es die jeweils ältere Segelgeneration
vorgemacht hat. Nebenbei bemerkt gibt es auch Mädchenkutter, auf
denen es nie anders zugingt und geht. Im Zweifel heute sogar eher
ruhiger. Nie gab es weniger Klagen als über die Seglerjugend von
heute: sind alle ungemein tüchtig, haben pottendichte Kutter aus
Kunststoff (vielleicht sogar mit Außenbordmotor) oder segeln Hightech
- 49er oder Tornados im Kader, verschmähen das Vereinsleben, finden
einen eigenen Sponsor, trinken Red Bull statt Bier und kennen sich
mit Dax sowie Nasdaq aus. Haben Sie in der YACHT oder der Lokalpresse
der letzten zehn Jahre etwas über wirklichen Ärger mit segelnden
Jugendlichen gelesen? Ich nicht. Das war in früheren Generationen
anders.
|
|
Da musste die YACHT fast in jeder Ausgabe über Skandale
berichten.
Kaum ein Tanzboden in den beschaulichen Städtchen an der Unterelbe,
der nicht einmal zum Ansegeln und einmal zum Absegeln von Kutter
- Russen in seine Bestandteile zerlegt wurde. Piraten - Segler,
in der Mehrzahl ehemalige Kutter - Russen, trieben den Vereinsgewaltigen
den Angstschweiß auf die Stirn, als sie von Cuxhaven über Helgoland
nach Sylt segelten. OK - Jollen - Segler, in der Mehrzahl ehemalige
Piraten - Segler, brachten den ganzen Seglerstand in Verruf, als
sie auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Nato - Marinestützpunkt
Olpenitz eine knallrote Sowjetflagge vorheißten. Das war sogar dem
moderaten YACHT - Herausgeber Horst Stern einen brillianten pädagogischen
Kommentar wert. Ein Laser - Segler, vermutlich ein ehemaliger OK
- Jollen - Segler, sorgte tagelang für Schlagzeilen, weil er mit
seiner Jolle bei Treibeis und Nebel von Cuxhaven nach Helgoland
aufgebrochen war und sich - verzweifelt gesucht - nach drei Tagen
frierend auf einer nordfriesischen Hallig wiederfand.
Alles nicht besonders nachahmenswerte Beispiele, aber gute Segler
waren das schon - und bald ziemlich nützliche Mitglieder der menschlichen
Gemeinschaft, wie sich im späteren Leben zeigte. In den Schlagzeilen
gerieten im Übrigen nicht nur ehemalige Kutter - Russen. Ältere
Segler werden sich erinnern, wie ein junger bayrischer Prinz von
der Kieler Polizei mit Bußgeld belegt wurde, weil er am Heck seines
Bootes die bayrische Rautenflagge führte. Ein junger Hamburger Bankier
kam vor den Kadi - zu Recht, zu Recht! -, weil er zu fortgeschrittener
Stunde unsachgemäß mit Signalmunition hantiert hatte. Schließlich
gab's da noch den legendären Zwischenfall an der Südkantine von
Helgoland, wo der verbeamtete Inselposten sich auf ein Handgemenge
mit etwa 80 jugendlichen Elbseglern einließ, die verbotenerweise
außerhalb und nicht in der Südkantine ein Gelage abhielten. (Der
Polizeiposten ging als Verlierer hervor, er wurde strafversetzt.)
Was ich damit sagen will? Die Seglerjugend von heute ist weder besser
noch schlechter als die davor. Wenn Kuttersegler, nicht anders als
ihre Väter, Häfen durch präpotentes Verhalten aufmischen, wie Leser
Mehnert beklagt, dann müsste der Fall eigentlich mit einer frischen
Ansage vor Ort zu bereinigen sein.
Dazu ein Tipp: Laden Sie einmal einen Kutter - Russen zu einer Buddel
Bier in Ihr Cockpit ein und lassen sie sich ein bisschen von Freud
und Leid des Kuttersegelns erzählen.
Könnte sein, dass Sie dabei plötzlich Ihre eigene Jugendzeit wieder
erkennen. Und aus Ihnen, nicht wahr, ist doch auch etwas geworden.
|