Svante Domizlaff über die neue Segler - Generation
mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "YACHT"

gefunden und für die Genehmigung gesorgt: Dennis Griebenow

Leser Dr. Jörg Mehnert aus Kiel (Name von der Redaktion nicht geändert) hat sich in einem mit der Überschrift "Kutterplage" versehenen offenen Brief an die Redaktion gewandt, in dem er seiner verständlichen Mißbilligung minderjähriger, biersaufender und lärmender so genannter Kuttersegler Ausdruck verleiht, die in verschiedenen Ostseehäfen höchst unangenehm aufgefallen sind. Er fordert, völlig zu Recht, von Hafenmeistern und Seglern Zivilcourage ein, gegen solche Auswüchse vorzugehen. Er schlägt, nachvollziehbar, aber schwer durchzusetzen, ein striktes Alkoholverbot vor, ein Verbot zum Mitführen von Beschallungsanlagen sowie eine Kennzeichnungspflicht der Kutter mittels Anbringen der Telefonnummer des Vereinsvorsitzenden oder Jugendwarts am Bootsrumpf.

Segler Mehnert mag sich aus gutem Grund geärgert haben, aber dennoch klingt in seiner Beschwerde auch etwas Positives durch. Denn ist es nicht irgendwie beruhigend, dass sich in 40 Jahren Jugendsegelei nichts Wesentliches verändert hat?

Dem Segler im Binnenland sei erklärt, dass es sich beim Kutter um ein rettungsbootähnliches, offenes Fahrzeug mit Sprietsegeltakelung und Mittelschwert handelt, das von einer auf harten Duchten sitzenden Crew auch gerudert werden kann. Es erinnert dann an eine Galeere, und die Leute an Bord fühlen sich auch so.

Eine Jugendkutter Tradition gab es einst in der DDR, etwa an der Warnow, und in den Segelvereinen der Unterelbe. Hier werden die selbstständig, aber unter Anleitung eines halbstarken Kutter - “Führers" (sic!) aufs Wasser hinausgeschickten Jugendliche im Szene - Slang als “Kutter - Russen" bezeichnet. Die Bezeichnung ist weder schmeichelhaft noch heutzutage politisch korrekt, sie entspringt wohl dem Vorurteil, das unsere östlichen Nachbarn wenig fair als rauhbeinig, versoffene und ungewaschene Meute hinstellt. Indes: genauso verhielten sich echte Kutter - Russen aller Generationen, und viele davon befinden sich heute in hohen und höchsten Positionen unserer sozialen Stufenleiter und erinnern sich gern an die Zeiten zurück, als sie ungewaschen und mit allerlei derben Scherzen im Sinne ihre ersten See - Erfahrungen machten.

Übrigens braucht man sich auf einem Kutter nicht zu waschen. Denn er segelt, wenn er nicht gerade kentert, sehr nass und leckt wie ein Sieb. Auf seinen Buchten schläft es sich hart und kalt, und jeder Hafenmeister meckert den Kutter - Russen an. Diese Erziehung ist von den Eltern ja gewollt. Auf einem Kutter lernt man, wie auf keinem anderen Segelfahrzeug, unbestreitbare Tugenden wie Seemannschaft, Kameradschaft, Rücksicht, Durchhaltevermögen und so unbeschwert einen zu zwitschern oder zu kiffen, wie es die jeweils ältere Segelgeneration vorgemacht hat. Nebenbei bemerkt gibt es auch Mädchenkutter, auf denen es nie anders zugingt und geht. Im Zweifel heute sogar eher ruhiger. Nie gab es weniger Klagen als über die Seglerjugend von heute: sind alle ungemein tüchtig, haben pottendichte Kutter aus Kunststoff (vielleicht sogar mit Außenbordmotor) oder segeln Hightech - 49er oder Tornados im Kader, verschmähen das Vereinsleben, finden einen eigenen Sponsor, trinken Red Bull statt Bier und kennen sich mit Dax sowie Nasdaq aus. Haben Sie in der YACHT oder der Lokalpresse der letzten zehn Jahre etwas über wirklichen Ärger mit segelnden Jugendlichen gelesen? Ich nicht. Das war in früheren Generationen anders.

 

Da musste die YACHT fast in jeder Ausgabe über Skandale berichten.

Kaum ein Tanzboden in den beschaulichen Städtchen an der Unterelbe, der nicht einmal zum Ansegeln und einmal zum Absegeln von Kutter - Russen in seine Bestandteile zerlegt wurde. Piraten - Segler, in der Mehrzahl ehemalige Kutter - Russen, trieben den Vereinsgewaltigen den Angstschweiß auf die Stirn, als sie von Cuxhaven über Helgoland nach Sylt segelten. OK - Jollen - Segler, in der Mehrzahl ehemalige Piraten - Segler, brachten den ganzen Seglerstand in Verruf, als sie auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Nato - Marinestützpunkt Olpenitz eine knallrote Sowjetflagge vorheißten. Das war sogar dem moderaten YACHT - Herausgeber Horst Stern einen brillianten pädagogischen Kommentar wert. Ein Laser - Segler, vermutlich ein ehemaliger OK - Jollen - Segler, sorgte tagelang für Schlagzeilen, weil er mit seiner Jolle bei Treibeis und Nebel von Cuxhaven nach Helgoland aufgebrochen war und sich - verzweifelt gesucht - nach drei Tagen frierend auf einer nordfriesischen Hallig wiederfand.

Alles nicht besonders nachahmenswerte Beispiele, aber gute Segler waren das schon - und bald ziemlich nützliche Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft, wie sich im späteren Leben zeigte. In den Schlagzeilen gerieten im Übrigen nicht nur ehemalige Kutter - Russen. Ältere Segler werden sich erinnern, wie ein junger bayrischer Prinz von der Kieler Polizei mit Bußgeld belegt wurde, weil er am Heck seines Bootes die bayrische Rautenflagge führte. Ein junger Hamburger Bankier kam vor den Kadi - zu Recht, zu Recht! -, weil er zu fortgeschrittener Stunde unsachgemäß mit Signalmunition hantiert hatte. Schließlich gab's da noch den legendären Zwischenfall an der Südkantine von Helgoland, wo der verbeamtete Inselposten sich auf ein Handgemenge mit etwa 80 jugendlichen Elbseglern einließ, die verbotenerweise außerhalb und nicht in der Südkantine ein Gelage abhielten. (Der Polizeiposten ging als Verlierer hervor, er wurde strafversetzt.)

Was ich damit sagen will? Die Seglerjugend von heute ist weder besser noch schlechter als die davor. Wenn Kuttersegler, nicht anders als ihre Väter, Häfen durch präpotentes Verhalten aufmischen, wie Leser Mehnert beklagt, dann müsste der Fall eigentlich mit einer frischen Ansage vor Ort zu bereinigen sein.

Dazu ein Tipp: Laden Sie einmal einen Kutter - Russen zu einer Buddel Bier in Ihr Cockpit ein und lassen sie sich ein bisschen von Freud und Leid des Kuttersegelns erzählen.

Könnte sein, dass Sie dabei plötzlich Ihre eigene Jugendzeit wieder erkennen. Und aus Ihnen, nicht wahr, ist doch auch etwas geworden.