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Risikofaktor Seekrankheit
Fakten und Vorsorge

Informationen vom DGRZ

Seit einiger Zeit hat der Wind aufgebrist. "Anna III" eine neun Meter lange Kielyacht, ist auf dem Weg nach Cuxhaven. Es ist der erste Törn in diesem Jahr. Stefan Reichert, Eigentümer der Yacht, sitzt am Ruder. "Lasst uns mal reffen", fordert er seine beiden Mitsegler auf, Arbeitskollegen mit mehr oder weniger Segelerfahrung. Der Druck auf das Ruder wird stärker. "Läuft doch gut", meint sein Kumpel und gähnt. Er hat es sich auf der Leeseite im Schutz der Sprayhood bequem gemacht. Der dritte Mitsegler, Michael Hilbig, ist unter Deck. Er sollte die anstehende Kursänderung abstecken. Schon längere Zeit ist er auffallend still. Als er jetzt an Deck kommt, ist er blass. "Na, war das letzte Bier gestern schlecht?" frotzeln die anderen beiden. "Müssen wir den Kurs bald ändern?", fragt der Skipper. "Ich habe noch gar nicht nachgesehen..." ist die träge Antwort.
Spätestens jetzt sollte der Skipper unserer erdachten Szene aufmerksam werden. Seine Mitsegler leiden beide unter den ersten Anzeichen der Seekrankheit.

Seekrankheit - der medizinische Ausdruck ist "Kinetose" - ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, welche die Seetüchtigkeit eines Schiffes und die Sicherheit der Besatzung erheblich gefährden kann. Das Stammhirn sorgt normalerweise dafür, das der Körper auf unterschiedliche Bewegungen richtig reagiert und das Gleichgewicht behält. Durch die komplizierten Bewegungsabläufe eines Schiffes werden die Informationen an das Stammhirn jedoch falsch ausgewertet und es kommt zur Seekrankheit. In den meisten Fällen verschwindet sie nach einer Gewöhnung von zwei bis drei Tagen.

Die ersten Anzeichen einer Seekrankheit sind psychisches Unbehagen, periodisches Gähnen, nachlassende Motivation und Aktivität, Müdigkeit, Schwindel, Sehstörungen und Kopfdruck. Weitere Symptome sind Gesichtsblässe, Schweißausbrüche, Völlegefühl, Stuhl- und Harndrang, Speichelfluss, Übelkeit und Augentränen. Schwere Symptome sind Aufstoßen, starke Übelkeit und Erbrechen. Bei einigen Menschen kommt es zu Elends- und Vernichtungsgefühlen und dem völligen Zusammenbruch der Persönlichkeit. Kreislaufzusammenbrüche können unmittelbar lebensgefährlich sein.

Wie im "DSV-Standardwerk Medizin auf See" geschildert, gefährdet nicht nur der Totalausfall des Seekranken die Schiffssicherheit: "Durch Entschlusslosigkeit und Gleichgültigkeit unterbleiben wichtige Handlungen, wie Kontrolle des Schiffsortes, rechtzeitiges Reffen, Auszählen von Feuern, Beobachten anderer Fahrzeuge und die Kontrolle der Verhältnisse unter Deck (Motor, Bilge). Wachen werden nicht mehr eingehalten, somit stellt sich ein Schlafdefizit ein. Eine geregelte Nahrungsaufnahme unterbleibt. Deshalb muss von jedem Besatzungsmitglied bekannt sein, wie anfällig es gegen das Auftreten von Seekrankheit ist."

Die Arbeitsgruppe Medizin der DGzRS, bestehend aus medizinisch interessierten Besatzungsmitgliedern, Seenotärzten, beratenden Notärzten, Rettungsassistenten, Vertretern der DGzRS-Inspektion und der Seenotleitung Bremen hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Die Seekrankheit kann durchaus eine Ursache für Seenotfälle sein .
Bezüglich der Kinetoseanfälligkeit gibt es große individuelle Unterschiede. Seekrankheit kann durch einen vollen Magen, Kaffee- und Alkoholkonsum, Fett-, Öl- oder Dieselgerüche sowie die eigene Körperhaltung verschlimmert werden. Auch Angst, Stress und ungewohnte Situationen sowie Ekel wirken verschlimmernd. Alkohol sollte auch längere Zeit vor Antritt der Reise gemieden werden - er kann auch bei sonst wenig anfälligen Menschen die Seekrankheit hervorrufen. Medikamente müssen vorbeugend eingenommen werden. Wirkungen und Nebenwirkungen sind individuell unterschiedlich. Die Verträglichkeit sollte vor Reiseantritt getestet werden. Auch alternative Mittel können hilfreich sein (z. B. "Seabands", an beiden Handgelenken getragene Akupressurbänder). Auch in diesem fall gilt: Es gibt keine allgemein gültige Empfehlung. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Medikamente und Behandlungsmethoden.

Folgende Maßnahmen empfehlen sich jedoch:

Den Kopf möglichst ruhig halten und den Horizont fixieren.

Eventuell Schiffsgeschwindigkeit oder -kurs ändern, um die auslösenden Ursachen zu mindern.

Tätigkeiten meiden, bei denen der Kopf den Schiffsbewegungen folgen muss (laufende Instrumentenbeobachtung, Arbeit an der Seekarte, Kochen).

reichlich Mineralwasser trinken.

Der Skipper muss sich unbedingt auf die Situation einstellen. Er sollte wissen, welche Tätigkeiten jemand noch verrichten kann, welche nicht.
Bei schwer Seekranken kann es notwendig sein, den Aufenthaltsort des Kranken ständig zu überwachen, da die Gefahr des Überbordgehens besteht. Eine verständnisvolle psychologische Betreuung und gute psychologische Führung sind äußerst wichtig. Ist der Skipper selbst unsicher und hat eine Situation nicht im Griff, kann dies bei Mitseglern durch Stress und Angst die Seekrankheit sogar auslösen.
Leider ist es nach wie vor die einzige wirklich zuverlässige Hilfe gegen die Seekrankheit, von Bord zu gehen.



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