|
Zum
neuen Streckenrekord
Der Gewinner der letzten Vendee, Michel Desjoyaux, den die Franzosen wegen
seiner scharfsinnigen Analysen den „Professor“ nennen, sieht
3 Hauptgründe für den neuen Streckenrekord: 1. Da ist zunächst
einmal die extrem harte Konkurrenz . Die führenden Boote segelten
häufig in sehr geringem Abstand und wechselten sich in der Führung
ab. Ganz besonders in den südlichen Breiten genießen die Segler
die endlosen Surfs und freuen sich über die guten Etmale. Wenn man
allerdings permanent jemanden im Nacken hat, holt man hier einfach noch
etwas mehr aus seinem Boot heraus. 2. Außerdem sind die Schiffe
leichter geworden. Sein Siegerschiff der letzten Vendee hatte vor diesem
Sieg ca. 500 kg abgespeckt.
Bei allen Booten war die Ausrüstung ebenfalls deutlich leichter,
als im letzten Rennen. 3. Und drittens spielte das Wetter gut mit. Schon
beim Äquator hatten die führenden Schiffe 3 Tage Vorsprung gegenüber
dem letzten Rennen.
Zum Siegertrio
Vincent Riou führte im Indischen Ozean. Als die ersten Eisberge auftauchten,
machte er einen Umweg nach Norden, um das Eisrisiko zu minimieren. Kein
Bruch oder Bronze, hier besser Eis oder heiß , sondern ganz altmodische
Seemannschaft. Das tat er ohne Zögern, und ohne sich groß über
den Verlust der Führung zu beklagen, denn Jean Le Cam fuhr geradeaus
weiter. Diese Vorsichtmaßnahme hat mir sehr gefallen und ich meine,
dadurch hat er den Sieg noch mehr verdient!
Kurz vor dem Start hatte ich das Glück, Jean Le Cam persönlich
alles Gute wünschen zu können. Wenn man so einen Segelstar mal
ganz aus der Nähe mitbekommen hat, dann nimmt man Positions- oder
Wettermeldungen aus dem southern ocean natürlich ganz anders auf,
als wenn man den Segler nur von Fotos kennt. Es hat nicht ganz gereicht,
für den „König“. Aber der Jean musste auch oft bei
den Figaristi (Rekordteilnehmer) starten, bis es zum Sieg kam.
Während hierzulande Sportjournalisten, die selbst kein Sportabzeichen
schaffen würden, oft nur die Sieger würdigen, wissen die Franzosen
alleine die Teilnahme an einer so harten Regatta zu schätzten. Und
jeder vordere Platz ist ein Sieg!
Mike Golding hat Höhenangst. 3x ist ihm das Fall gebrochen, 3x musste
er in den Mast. Und 26m ist die halbe Höhe eines mittelhohen Kirchturmes!!
Gut, dass zu diesem Zeitpunkt der Kiel noch dran war…
Nationenwertung
2 Franzosen an der Spitze, da ist für unsere westlichen Nachbarn
die Welt weiterhin in Ordnung. Und das geht auch in Ordnung: In Frankreich
sind Hochseeregatten unglaublich populär, auch bei Nichtseglern.
Die Leistungsdichte ist extrem, nicht zuletzt wegen der
„Rekrutierungsklassen“ mit ihren vielen Regatten. Das fängt
bei den noch halbwegs bezahlbaren 6,5m Minis an. In der Figaro-Klassen
gibt es dann in den Leistungszentren den Feinschliff. Die Besten starten
dann bei der Vendee.
Die Engländer mussten sich mit dem 3. Platz begnügen. Dafür
hat Ellen es den Franzosen ja gezeigt. Mit dieser Situation können
die Konkurrenten nördlich und südlich des Kanals leben.
Regionenwertung
Vincent Riou und Jean Le Cam wohnen ja gar nicht so weit auseinander.
Damit bleibt für die Franzosen - und vielleicht nicht nur für
sie - die bretonische Atlantikküste das Zentrum der Hochseewelt.
Konstrukteurswertung
1. Finot
2. Lombard
3.Owen Clarke
So sieht es offiziell aus. Wobei die Entwürfe von Lombard und von
Owen Clarke neu sind,
das Finot-Boot ist der überarbeitete Sieger der letzten Vendee.
Jedes dieser Boote hätte gewinnen können. Die frühere Dominanz
von Finot ist gebrochen, aber die etwas größeren Allrounder
von Lombard, und vor allem von Owen Clarke,
konnten sich nicht vom älteren Finot-Design absetzen. Ich bin gespannt,
wie die neuen Boote für die nächste Vendee aussehen.
Rigg
Keine
Konfiguration konnte sich als klar überlegen erweisen.
Kiele
Als die Dinger aufkamen, hießen sie neudeutsch „canting-keel“.
Dann wurde bei uns „Pendelkiel“ üblich. Seit einige dieser
Kiele wirklich unter dem Rumpf unkontrolliert pendelten, und dann abbrachen,
benutzen ich im Moment lieber das Wort „Schwenkkiel“.
Wenn man die Ausfälle bei der Vendee sieht, kann man nur konstatieren,
dass die „Schwenkkiele“ bezüglich ihrer Zuverlässigkeit
derzeit nicht ausgereift sind.
Aber auf den langen Strecken bieten diese Kiel dermaßen große
Vorteile, dass kein Boot mehr eine Vendee ohne einen solchen Kiel gewinnen
wird.
Bei der Fastnet-Tragödie vor einem Vierteljahrhundert brachen die
neuen Carbon-Ruder.
Heute fahren die Spitzenschiffe nur noch Carbon-Ruder, sie sind leichter
und fester. Ruderbrüche auch bei hohen Geschwindigkeiten sind kein
Thema mehr.
Der Super-Maxi „Skandia“ hat vor Australien kürzlich
seinen „Pendelkiel“ verloren. Der Eigner in einem Interview
nach der Rettung:“And, before you ask, I’ll be staying with
the canting keel. It’s the future of the sport.”
Vendee
– deutsche Regattaszene
Die Berichterstattung über die Vendee hat die Zugriffszahlen auf
der Homepage der SVC
deutlich erhöht. Es scheint also Interesse an dieser Art Segelei
zu bestehen, obwohl es keinen deutschen Teilnehmer gab. Das könnte
ich ändern, wenn Boris Herman, der schon das Mini-Transat segelte,
in diesem Herbst an der Transat Jacque Vabre teilnimmt, denn das ist schon
fast ein möglicher Einstieg in die die Vendee. Wir berichteten auf
dieser Seite ausführlich darüber.
Abgesehen von einem Einzelkämpfer wie Boris gibt es in Deutschland
keine Basis für solche Regatten. Hierzulande kaufen sich die Leute
Regattaschiffe, bei denen schon der Konstrukteur eine halbe bis eine ganz
Fußballmannschaft auf der Kante als Ballast fest mit einrechnet,
damit die Schiffe konkurrenzfähig fahren. Und richtig surfen tun
diese Schiffe auch nicht. Aber das Segelvolk kauft diese Schiffe, weil
es mental nicht über den engen IMS-Horizont sehen kann.
Im Mittelmeer scheint das Eis gebrochen. Die Transpac 52 erfreuen sich
wachsender Beliebtheit. Die Eigner der IMS500-Boote dürften sich
bald recht warm anziehen müssen…
Die Transpac 52 werden nach einer Boxrule gebaut, es sind also nur Parameter
wie Länge, Breite, Tiefgang, Mastlänge… festgelegt. Die
Konstrukteure verwenden ihr Gehirnschmalz also nicht mehr darauf, die
Geschwindigkeit relativ zur Vermessungsformel zu opimieren, ein langsameres
Schiff kann berechnet schneller werden, sondern sie versuchen absolut
schnelle und sichere Schiffe zu zeichnen
Vor gar nicht so langer Zeit hielt man Schiffe, die einen Formelbauch
wie eine schwangere Python hatten, für schnell. Heute lächelt
man über diese IOR-Gläubigkeit. Ich bin sicher, dass man in
absehbarer Zeit auch über die jetzige IMS-Gläubigkeit lächeln
wird...
Vendee
– deutsche Fahrtensegelei
Hand aufs Herz, im Urlaub braucht man keine langen Kreuzstrecken. Lieber
1-2 Tage warten, dann wenigstens mit Schrick, besser mit halbem Wind oder
raumschots. Unterm Strich kommt man mindestens so weit, und es macht viel
mehr Spaß. Klingt nach Langkielersegelei?
Keinesfalls, ich denke an Open Classes zum Fahrtensegeln. Was in Deutschland
–noch!!- als absurd angesehen wird, ist z.B. in Frankreich durchaus
üblich. So werden z.B. gut 50% der kleinen Pogos (6,5m Mini) zum
Fahrtensegeln benutzt.
Und das ist doch was: Obwohl nur Vaddern und Muddern an Bord, wird das
Wort „Rumpfgeschwindigkeit“ bald niemand mehr buchstabieren
können. Und das ganze ohne mühsam zusammengesuchte Regattacrew
, einfach so. Und Vaddern ist glücklich, weil nur Fliegen schöner
ist. Und Muddern ist glücklich, weil Vaddern nicht vor lautere Segellangeweile
schon kurz nach dem Auslaufen nach dem ersten Bier verlangt.
Vendee
– deutsche Segelbürokratie
Nicht nur IMS bremst die Entwicklung in Deutschland, auch die Segelbürokratie
trägt ihren Teil dazu bei. Es gibt jetzt 5 6,5m Minis in Deutschland.
Diese Schiffe segeln Regatten zwischen 300 und 1000sm in der Biscaya,
von Frankreich um den Fastnetfelsen, sogar bis Brasilien. Eine Anfrage,
ob diese international anerkannten Boote die Skagen-Regatta mit segeln
dürften, wurde nicht ernst genommen. Ja, es gibt sogar für die
Nordseewoche von Cuxhaven aus – niemals weitere als 18sm vom nächsten
Hafen entfernt!!! – ernsthafte Sicherheitsbedenken….
Nur gut, dass es Vincent, Jean, Mike und Ellen nicht besser geht: Wenn
sich im Herbst die deutsche Seesegelelite im schönen Flensburg trifft,
dürfen sie auf der völlig geschützten Förde
und den sehr geschützten Gewässern davor nicht mitsegeln –
Einhandsegeln ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Aber das
liegt nicht an der Ostsee, auch bei der Nordseewoche gilt ein Startverbot
für die Open 60s: Sie haben kein fest eingebautes Klo…..
|